Wie viel Zeit verbringen Hähnchenhalter:innen eigentlich im Stall bei den Tieren – und wie viel am Schreibtisch? In unserem Interview sprechen wir mit Landwirt und Tierhalter Stefan Teepker über seinen echten Alltag zwischen Hähnchenstall und Aktenordnern. Wir erfahren Spannendes über die Kreislaufwirtschaft an seinem Hof und die vielen Facetten des Berufs Landwirtschaftsmeister:in.
Stall- und Büroarbeit in der Landwirtschaft
„Ich bin Landwirt und Manager“
von Elisabeth Jungklaus
© Teepker
Stefans Steckbrief
- Alter: 45
- Ausbildung: Landwirtschaftsmeister
- Hobby: Zeitung lesen, jagen und internationale Landwirtschaft
- Lieblingsfarbe: Marineblau
- Lieblingsessen: Knuspriges Grillhähnchen mit Zitrone und Petersilie
Stefan, warum bist Du Landwirt geworden?
Da muss ich ehrlich sagen: Das hat sich so entwickelt, denn ich wusste lange nicht, was ich werden will. Unter unserem Namen sind meine Familie und ich schon seit vier Generationen Landwirte. Ich habe drei jüngere Brüder. Da mein Vater starb, als ich 14 Jahre alt war, haben wir alle schon früh zu Hause mitangepackt. Mit etwa elf Jahren konnte ich Trecker fahren. Und da ich der älteste Bruder bin, war eine Zukunft in der Landwirtschaft für mich naheliegend. Später, als ich in der zehnten Klasse war, sagte ich zu meiner Mutter: Weißt du was, ich mache jetzt eine landwirtschaftliche Ausbildung.
Als Landwirtschaftsmeister leitest Du einen Agrarbetrieb mit 35 Mitarbeitenden und jungen Menschen in der Ausbildung. Du und Dein Team haltet Hähnchen und Schweine. Zusätzlich erzeugt Ihr Biogas und betreibt auf den Flächen um Euren Hof herum Ackerbau. Das klingt nach vielen unterschiedlichen Aufgaben. Erkläre sie bitte genauer.
Genau, wir sind ein Ausbildungsbetrieb und nehmen jedes Jahr zwei [EJ|TG1] Auszubildende auf. Wir halten Schweine und Hähnchen, betreiben Ackerbau und erzeugen erneuerbare Energien mit Biogas und Photovoltaik. Rund um unseren Stammbetrieb im Emsland liegen rund 600 Hektar Acker. Hier bauen wir Zwiebeln, Kartoffeln und Möhren für die menschliche Ernährung und die klassische Zuckerrübe sowie Getreide und Mais an. Den Mais verwenden wir für die Biogasanlage und als Tierfutter, das Getreide ist ausschließlich Futter. Außerdem bauen wir als Futtermittel noch ein bisschen Ackerbohne und andere Hülsenfrüchte an.
Dein Betrieb hat drei Standorte. Bist Du viel unterwegs?
Ja, ich sitze viel im Auto und pendle täglich zwischen unseren Standorten mit insgesamt 13 Hähnchenställen im Emsland. Es gibt aber auch Phasen, in denen ich selbst viel im Stall oder auf dem Acker arbeite. Das hat immer etwas damit zu tun, wie gerade die Situation in unserem Team ist. Zum Glück sind wir personell gut aufgestellt. Deshalb schaue ich immer, welche Projekte ich anschieben kann. Ich bin Landwirt und Manager – und das ist das Tolle. Denn ich habe maximale Abwechslung.
Wow, das hört sich so an, als würde kein Tag dem anderen gleichen. Gibt es bei Dir überhaupt so etwas wie einen typischen Arbeitstag und wenn ja, wie sieht der aus?
Mein Arbeitsalltag wird ein Stück weit durch meine Familie und die Auszubildenden geprägt. Die Azubis wohnen bei uns auf dem Hof. Sie leben quasi in der Familie. Wir haben feste Arbeits- und Zusammenkunftszeiten. Von 6 bis 6:30 Uhr gibt es für alle Frühstück. Danach geht's für die Azubis und mich an die Arbeit. Wir teilen uns auf: Die einen kümmern sich um die Hähnchen, die anderen um die Schweine. Manchmal fahre ich morgens zum Stall, manchmal gehe ich direkt ins Büro. 12:45 Uhr essen wir alle gemeinsam Mittag. Um 18 Uhr, nachdem wir alle Tiere versorgt haben, gibt es Abendessen. Anschließend ist Feierabend, wenn nicht gerade die Ernte oder etwas anderes Wichtiges zu tun ist. So ist das schon immer gewesen und das macht auch Sinn, oder?
Jetzt zu Deinen Hähnchen: Was gefällt Dir besonders an der Arbeit im Hähnchenstall?
Ich finde es immer wieder aufregend, wenn wir die Küken wenige Stunden nach dem Schlüpfen in Empfang nehmen. Je nach Standort bekommen wir alle sieben Wochen neue Küken. Mir macht es Freude, für diese jungen Tiere eine große Verantwortung zu übernehmen. Bei ihrem Start ins Leben können wir uns keine Fehler leisten. Das heißt, wir müssen extrem gut vorbereitet sein: Wir sorgen für die perfekte Temperatur im Stall. Wichtig sind zudem frisches Wasser und Futter. Auch, wenn sich das mehrmals im Jahr wiederholt, kommt es jedes Mal aufs Neue darauf an, alles in Perfektion hinzukriegen. Außerdem spielen in der Landwirtschaft die Jahreszeiten eine große Rolle. Zum Beispiel ist es schwieriger, einen Stall auf 35 Grad vorzubereiten, wenn es draußen nur 10 Grad kalt ist. Solche Herausforderungen mag ich.
Welche Aufgaben erledigst Du im Büro? Und wie viel Zeit verbringst Du dort und wie viel bei den Hähnchen?
Ungefähr 70 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich im Büro, weil wir viele Mitarbeitenden haben. Den Großteil meiner Zeit führe ich Gespräche und koordiniere die Arbeit des Teams, mit besonderem Augenmerk auf die Auszubildenden. Da geht es darum, Prüfungen vorzubereiten, Organisatorisches zu planen und immer wieder Anpassungen im Betrieb vorzunehmen.
Im Stall bei den Hähnchen bin ich meist morgens etwa zwei bis drei Stunden, das ist meine Morgenroutine. Abends schaue ich auch anderthalb Stunden in den Stall, je nachdem, wie wir uns im Team aufteilen.
Hand aufs Herz, wann bist Du bei Deiner Arbeit am glücklichsten und warum?
Am glücklichsten bin ich an einem Sonntagmorgen im Hähnchenstall, wenn die Sonne reinstrahlt. Sonntagmorgen klingelt meist mein Handy nicht und ich kann dann ganz entspannt, ohne Druck und ohne Stress, durch den Stall gehen. Dann habe ich auch mal fünf Minuten länger Zeit, die Tiere zu beobachten, mir Notizen zu machen oder Dinge zu prüfen. Ja, das sind eigentlich die besten Momente!
Dir ist wichtig, dass Ihr nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft arbeitet. Wie funktioniert das in so einem großen Landwirtschaftsbetrieb?
Anschaulich wird das an einem Beispiel mit Hähnchenmist und der Biogasanlage. Eine Biogasanlage schließt den natürlichen Nährstoff- und Energiekreislauf in der Landwirtschaft, indem sie organische Reststoffe verwertet. Hähnchenmist könnte ich als Dünger für meine Pflanzen nehmen. Hähnchenmist ist aber nicht besonders ausgewogen. Er ist zwar eine hervorragende Stickstoff- und Phosphorquelle, enthält aber wenig Kalium.
Hier kommt die Biogasanlage ins Spiel – richtig?
Ja. In dieser kombinieren wir Hähnchenmist mit Silomais. Eine hervorragende Kombination, um hochwertigen Gärrest als Dünger zu erzeugen. Denn während Mais für eine stabile Gasproduktion sorgt, bringt der Hähnchenmist wertvolle Nährstoffe ein, die den späteren Dünger kraftvoll machen. Der Dünger ist also viel besser als der reine Hähnchenmist.
Aus den Reststoffen entsteht in der Biogasanlage erneuerbare Energie, also Strom und Wärme. Die kann ich hervorragend für meine Hähnchen nutzen. Sie brauchen viel Strom und Wärme.
Und was wünschst Du Dir für Deine Arbeit in Zukunft?
Grundsätzlich wünsche ich mir – und das ist auch eine politische Botschaft –, dass ich auch Bauer sein kann. Als Wirtschaftsunternehmen müssen wir sehr viele kaufmännische und bürokratische Aufgaben erledigen und uns nach Auflagen und Berichtspflichten richten. Das darf nicht noch mehr werden. Es muss auch in Zukunft Zeit dafür sein, den jungen Leuten handwerkliche Dinge beizubringen, zum Beispiel, wie sie mit einem Akkuschrauber oder einer Handschleifmaschine umgehen. Das ist auch deshalb wichtig, weil in unserem Beruf die Dinge funktionieren müssen und wir uns in erster Linie selbst darum kümmern. Als eine Art Allrounder mit vielfältigen Skills.
Bonus-Frage
Was sollten Kinder über den Beruf Landwirtschaftsmeister:in wissen?
Ich glaube, viele wissen gar nicht, was man mit dem Beruf alles machen kann. Die Ausbildung ist so vielfältig. Sie umfasst die Aufzucht von Tieren, Pflanzenkunde, kaufmännische Themen, handwerkliche Fähigkeiten wie Holz- und Metallarbeiten und Elektronik und noch viel mehr. Solche Fähigkeiten werden überall gebraucht. Wir sehen, dass unsere ausgebildeten Leute auf dem Arbeitsmarkt immer gefragt sind, weil sie so universell einsetzbar sind. Und: Dieses Feeling in der Branche ist schwer zu beschreiben – es ist einfach etwas Besonderes.
Stefan Teepker, der engagierte Nachwuchsunterstützer und All-round-Landwirt
Stefan arbeitete von 2019 bis 2024 als Vorsitzender des Bundesverbandes bäuerlicher Hähnchenerzeuger e. V. (BVH).
In der gleichen Zeit war Stefan auch Vizepräsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft e. V. (ZDG). Bei dem Job kommt es darauf an, die Interessen von allen Landwirten und Unternehmen der gesamten deutschen Geflügelwirtschaft im Blick zu behalten.
Außerdem macht sich Stefan schon lange für den Nachwuchs in der Land- und Lebensmittelwirtschaft stark:
Von 2014 bis 2017 engagierte er sich als Vorsitzender der Jungen Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e. V. (DLG). Heute gestaltet er als Mitglied in Expertenkreisen die strategische Ausrichtung der DLG mit. Für sein Engagement als ehrgeiziger Förderer von jungen Talenten und für sein Ehrenamt wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Zusätzlich ist Stefan ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins Nuffield Farming Germany. Die weltweit tätige Wohltätigkeitsorganisation hat das Ziel, durch die Entwicklung landwirtschaftlicher junger Führungskräfte positive Veränderungen in die Landwirtschaft zu bringen.