Wie sieht der Alltag auf einem modernen Putenbetrieb aus? In unserer Serie „Berufe rund um Geflügel“ gibt Sabine Asum Einblicke in ihre Arbeit. Sie führt gemeinsam mit ihrer Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb in fünfter Generation und pendelt dabei Tag für Tag zwischen Stall, Büro und Familienleben. Ein Beruf, der Verantwortung abverlangt, Vielfalt bietet und mit Herzblut ausgeübt werden sollte.
Porträt-Serie – „Berufe rund um Geflügel“
Stall, Familie und viel Verantwortung: mein Alltag als Putenhalterin
von Saskia Troche
© Asum Agrar GbR
Sabine, die Putenhalterin
- Alter: 56
- Ausbildung: Bankkauffrau und Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft
- Hobby: Sport und mein Garten
- Lieblingsfarbe: Blau und Rot
- Lieblingsessen: Putenschnitzel mit Spätzle und Salat
Du bist Landwirtin und Putenhalterin in einem Familienbetrieb in der 5. Generation. Welche Aufgaben gehören zu Deinem Beruf?
Ich bin in unserem Familienbetrieb überall eingebunden. Mein Alltag spielt sich zwischen Stall, Hof und Büro ab. Chefin sein bedeutet in dem Fall vor allem, immer das zu machen, was gerade anfällt; von der Aufzucht unserer Puten bis zur Instandhaltung aller Hofanlagen. Hinzu kommt der Büroteil mit Buchhaltung sowie Organisation. Und on top kommt der Haushalt, mein (Lieblings-)Job als Doppeloma und das tägliche Kochen des Mittagessens für Familie und Mitarbeiter. Sprich: Ich bin eigentlich überall eingebunden. Aber genau das liebe ich – auch, weil ich damit nicht allein bin. Wir arbeiten alle im Team.
Wer lebt alles auf Deinem Hof und wie gestaltet sich das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten?
Bei uns leben vier Generationen zusammen. Familie und Arbeit sind eng miteinander verbunden. Mein Mann Georg, unser Sohn Stefan und unsere Schwiegertochter Steffi führen den Betrieb gemeinsam mit mir. Unsere Tochter Anika unterstützt uns bei Bedarf. Auch unsere Enkel Ludwig (3 Jahre) und Marie (8 Monate) wachsen mitten im Gewusel auf. Wichtig sind auch unsere Mitarbeiter. Ohne sie würde vieles nicht funktionieren. Gemeinsam schaffen wir das.
Welches Vorurteil gegenüber Tierhaltung und Landwirtschaft begegnet Dir am häufigsten?
Viele glauben, große Betriebe seien automatisch Massentierhaltung und den Tieren gehe es schlecht. Dieses Bild entsteht oft durch Medien, entspricht aber nicht immer der Realität. Oft fehlt der direkte Einblick in die Landwirtschaft. Gleichzeitig wird schnell beurteilt, ohne die Unterschiede zur Haustierhaltung zu kennen.
© Asum Agrar GbR
Würdest Du Dir mehr echte Aufklärung wünschen?
Es würde sicher helfen, wenn es mehr Fachinformationen mit echten Einblicken in den Stall geben würde, die auch Ambivalenzen verdeutlichen. So beschäftigt mich sehr, wie kritisch auf die Landwirtschaft hier in Deutschland geschaut wird, wie viel hinterfragt wird. Und im Ausland? Das wird nicht hinterfragt – sei es im Urlaub oder bei importierten Lebensmitteln.
Auch wird unterschätzt, dass wir rund um die Uhr Verantwortung tragen – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Und wenn es den Tieren nicht gut geht, dann geht es uns auch nicht gut.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?
Mein Tag beginnt meistens vor 6 Uhr. Frühstücken, kurz Zeitung lesen und etwas Hausarbeit. Um 7 Uhr starten wir alle in den Arbeitstag mit einer kurzen Besprechung. An manchen Tagen bin ich im Stall oder ich beginne gleich im Büro. Der Vormittag ist oft von Büroarbeit geprägt. Gegen späten Vormittag geht es dann in die Küche, um das Mittagessen vorzubereiten. Um 12 Uhr kommen alle zum Essen zusammen. Danach wird aufgeräumt und es geht weiter. Der Hund braucht Bewegung, mal steht die Kinderbetreuung an oder es geht im Büro weiter oder oder oder … Haus, Garten, Stall, Büro. Einen festen Ablauf gibt es kaum. Nur die Stallgänge sind klar geregelt. Zusätzlich bin ich ehrenamtlich als Kreisbäuerin tätig. An den Tagen ist mir meine Schwiegertochter Steffi einmal mehr eine große Hilfe. Meistens endet mein Tag zwischen 19 und 20 Uhr; manchmal auch etwas später.
Wie sieht der Tag aus Sicht der Tiere aus?
Für unsere Puten ist der Tag klar strukturiert. Das gibt ihnen Ruhe und Sicherheit. Mehrmals täglich kontrollieren wir die Tiere und achten darauf, dass es ihnen gut geht. Futter und Wasser stehen immer bereit. Am Nachmittag streuen wir Stroh ein. Das sorgt für Beschäftigung und ein gutes Liegegefühl.
Was liebst Du am meisten an Deinem Beruf und warum?
Ich schätze den Gestaltungsspielraum und die Verantwortung. Kein Tag ist wie der andere. Unser Beruf ist mehr als Arbeit – er ist Teil unseres Lebens. Wir führen den Betrieb für die nächsten Generationen weiter. Es gibt aber auch echte Herausforderungen: viel Büroarbeit, wenig Zeit für Freunde, Familie, sich selbst und oft fehlende Wertschätzung. Trotzdem mache ich meinen Beruf von Herzen gern – für unsere Tiere, unsere Familie und die Lebensmittel, die wir erzeugen.
Warum würdest Du Deinen Beruf Kindern und Jugendlichen empfehlen? Und welche Eignung sollte man mitbringen?
Ich würde meinen Beruf empfehlen, weil er so viel Sinn hat und unglaublich vielseitig ist. Ich schätze besonders, dass ich in vielen Bereichen unterwegs bin. Zudem arbeite ich jeden Tag in und mit der Natur. Was man mitbringen sollte, ist die Freude an der Arbeit mit Tieren, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, mit anzupacken. Durchhaltevermögen, einen Blick für das Wesentliche und Offenheit für Neues sind ebenfalls wichtige Eigenschaften. Für mich ist es nicht nur ein Beruf, sondern ein Stück Leben.
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Was ist besonders schwer in Deinem Job?
Es gibt Momente, in denen ich mir Sorgen mache – um die Tiere, um den Betrieb und auch darum, wie unsere Arbeit von außen gesehen wird. Es ist nicht immer leicht, wenn Tierhaltung oder Landwirtschaft kritisch bewertet werden und wir uns nicht wertgeschätzt fühlen. Wir verzichten auf viel Freizeit, Urlaub oder Hobbys. Trotzdem mache ich meinen Beruf von Herzen gern und möchte auch nicht tauschen.
Welchen Stellenwert hat Dein Beruf für die Gesellschaft und damit für alle Menschen, die im Supermarkt oder beim Metzger Putenfleisch kaufen?
Wir sorgen täglich dafür, dass hochwertige Lebensmittel erzeugt werden. Hinter jedem Stück Fleisch steckt viel Arbeit und Verantwortung. Ich wünsche mir mehr Bewusstsein und Wertschätzung dafür.
Welche weiteren Berufe aus der Branche sind für Dich von Bedeutung und warum?
In unserem Betrieb merkt man schnell: Allein geht es nicht. Neben unseren Mitarbeitern sind Tierärzte, Handwerker, Futtermittellieferanten, Brütereien und Schlachtbetriebe wichtig. Jeder trägt seinen Teil bei. Nur gemeinsam funktioniert das System.
Frauen in der Landwirtschaft: Perfect Match oder doch lieber Männersache?
Ganz klar ein „Perfect Match“ auch für Frauen. Ich arbeite auf Augenhöhe mit meinem Mann. Jeder hat seine Aufgaben und Stärken. Landwirtschaft funktioniert nur zusammen – als Familie und als Team.
Wenn Du eine Sache in der Landwirtschaft bzw. Putenhaltung verändern könntest, was wäre das?
Ich wünsche mir mehr Vertrauen und Wertschätzung für unsere Arbeit. Oft wird ein veraltetes Bild von Landwirtschaft erwartet. Gleichzeitig werden negative Darstellungen verstärkt. Das entspricht nicht unserer Realität. Wir arbeiten auf hohen Standards und tragen große Verantwortung. Landwirtschaft muss sich entwickeln dürfen, um eine Zukunft zu haben.
Bonus-Frage
Was ist Dein Must-have-Equipment?
Mein absolutes Must-have ist ganz klar mein Handy. Ohne das geht heute gar nichts mehr. Der Kochlöffel gehört für mich auch dazu, weil die Verpflegung von Familie und Mitarbeitern mir sehr wichtig ist. Gute Laune und ein Lächeln hilft zudem, wenn’s mal stressig wird.